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Notizen zu 19_Februar_19

 

Das frei im Raum hängende, zweiseitige Mixed-Media-Objekt thematisiert Vergänglichkeit. Dabei richtet sich der Fokus insbesondere auf das fotografische Medium, dem gewöhnlich eine genuine Beziehung zum Tod zugeschrieben wird.

Das Spannungsverhältnis zwischen Leben und Tod wird mehrfach variiert. Es taucht bspw. in der Bedeutung von Anfang und Ende auf, wenn der Herstellungsprozess sichtbar im Objekt verankert ist und zum integralen Bestandteil des sich stetig verändernden Kunstwerks wird.

Das eröffnet eine weitere Perspektive. Diese nähert sich Vergänglichkeit über die Differenz Original / Reproduktion an. Was an dem Objekt als Original zu bezeichnen ist und wo die Reproduktion beginnt, bleibt unklar. Die Grenze wird umso effektiver verwischt, je konsequenter die Abbildungen im Künstlerbuch (siehe weiter unten im Text) in die Betrachtung einbezogen werden.

Nicht zuletzt knüpft das Mixed-Media-Tableau an die Malerei-Tradition der Vanitas-Stillleben an und bietet eine zeitgemäße Interpretation. Es versammelt Nachrichten, Pflanzenteile, Zigarettenkippen, Eierschalen und andere Dinge. Seit das Ensemble aus organischen und anorganischen Materialien, aus Abfallprodukten und Lebensmitteln fertiggestellt wurde, bleibt es sich selbst überlassen. Idee, Umwelteinflüsse und Materie teilen sich die Autorschaft, sie arbeiten fortan Hand in Hand. Erst ihr spezifisches Zusammenwirken realisiert das Kunstwerk. Konzipiert als Schauplatz künftiger Veränderungen bringt es unzählige Versionen seiner selbst hervor.

 

Dabei folgt das einmal in Gang gesetzte Zerfallsszenario nicht etwa einem präzise ablaufenden Mechanismus. Vielmehr erforscht das Tableau das divergierende Transformationsverhalten heterogener Materialien wie auch deren Zusammenspiel. Erwartbare Veränderungen korrelieren hier mit unerwarteten Effekten: Kohlblätter verwelken, zerknittern, rollen sich zusammen, während das mittig platzierte Fotomotiv nicht nur bis zur Unkenntlichkeit verblasst, sondern das Fotopapier inzwischen selbst zum Akteur geworden ist.

Mit seinen Wölbungen und Kratern erinnert die Papiergestalt zurzeit mehr an ein Modell zur Simulation von Faltengebirgen. In seiner ursprünglichen Funktion als Bildträger gehörte das Inkjetpapier dem Bereich des Unsichtbaren an. Mit seiner eigenwilligen Ausdehnung in den dreidimensionalen Raum beansprucht es neuerdings, als skulpturale Gestalt wahrgenommen zu werden. Das Fotoglanzpapier steht somit nicht länger im Dienst des sichtbar werdenden fotografischen Sujets, sein Status ist nicht mehr technischer, nicht mehr zweckdienlicher Natur.

Die Verschiebung hin zu einer plastischen Gestalt lässt sich an einer weiteren Beobachtung festmachen. Je mehr die Farben und Konturen der fotografischen Gegenstände verblassen, desto prägnanter drängt sich unserer Wahrnehmung die wellenschlagende Papiergestalt auf. Sie hat das ihr einst anvertraute Motiv beinahe restlos absorbiert. Nur wer sich das Motiv durch einen Blick auf die Kehrseite des Tableaus vergegenwärtigt, wo es ein weiteres Mal abgebildet ist, wird noch den gelben Farbschleier entdecken und ihn als fotografische Restspur identifizieren.

In diesem neuen Zustand angelangt existiert das Fotopapier nun frei von jeder Abbildfunktion. Eine Veränderung, die keineswegs mit genereller Funktionslosigkeit einhergeht. Was sich uns jetzt umso stärker mitteilt, ist der zeitbasierte Charakter des Kunstwerks. Zudem offeriert die von jeder Gegenständlichkeit entleerte Fläche ganz neue Betrachtungsweisen. So bietet sie sich als Projektionsfläche an, als Leerstelle oder auch als sich verselbstständigende Form, die wiederum unsere Einbildungskraft zu aktivieren vermag.

 

Während der Ausstellungsdauer kann sich jede und jeder ein Bild von dem Transformationsprozess machen, ihn gar mehrfach beobachten. Am Eröffnungstag, am 1. Dezember 2020, wird das Objekt 638 Tage alt sein.

 

Zu der Arbeit gehört, wie bereits erwähnt, ein Künstlerbuch. Die darin enthaltenen Fotografien bewahren punktuelle Versionen des sich wandelnden Tableaus auf. Wer das Buch zur Hand nimmt, kann sich in eigenem Tempo durch die Zeit hindurchblättern. Zeitsprünge durch Überblättern sind ebenso möglich wie minutenlanges Verweilen bei ein und derselben Aufnahme oder das sekundenschnelle Vorblättern bis zum ersten Tag.

Die im Buch „verewigten“ Zeit-Bilder erneuern im Übrigen ein uraltes Versprechen. Seit Erfindung der Fotografie gelten Fotoaufnahmen als unbestechliche Zeugen und Konservatoren unwiderruflich vergangener Augen-Blicke. Es steht, heißt es, in ihrer Macht, den Zeitfluss zu unterbrechen, das verrinnende Leben stillzustellen und Verstorbene zum Leben zu erwecken.

Jede einzelne Aufnahme in dem Buch bezeugt die für uns selbstverständlich gewordene Tatsache, dass Fotografien ihre Motive um ein Vielfaches überleben. In ihrer Makellosigkeit und Langlebigkeit scheinen sie über die Vergänglichkeit zu triumphieren.

Das Triumphgeheul verstärkt sich noch, wenn wir uns das Künstlerbuch als frei im Netz zirkulierende Datei vorstellen. Das hieße, die Bilder tauchten an vielen Orten der Welt auf, auf unterschiedlichen Plattformen. Sie könnten beliebig oft gespeichert, verändert, in andere Kontexte eingefügt und in neuen Formaten reproduziert werden.

Nicht reproduzierbar ist dagegen das Tableau. Es existiert nur einmal. Seine Existenz bleibt den Bedingungen von Zeit und Raum unterworfen, während die Abbilder Zeit und Raum überwinden. Am Ende haben wir es also mit sehr verschiedenen Eigenleben zu tun. Wollten wir uns dieses Spiel ohne Ende bis zum Ende vorstellen, bräuchten wir vor allem eins: Z_E_I_T.

 

 

 

© Manuela Lachmann 2020